Crew

Story Teller ist die Literaturwerkstatt des inklusiven Künstler-Netzwerks barner 16. In einem Hamburger Hinterhof produzieren Menschen mit und ohne Behinderung Musik, Kunst, Filme, Theater und Literatur. Die Autorin und Geisteswissenschaftlerin Daniela Chmelik koordiniert den literarischen Bereich mit Vorliebe für Dada, Blabla, Philosophie, Fantasie, Politik, Gerechtigkeit, Originelles und Aktuelles.

Story-Teller ist Labor/ Küche/ Kombüse für literarische Experimente. Literarische Sterneköche texten, vertellen Stories, kochen Jahreszeitensuppe zu aktuellen Themen und Tagen, brühen Poesie&Prosa auf: schneiden tote Dichter in Streifen, sowohl die großen als auch die seichten, und durchsetzen sie mit eigenen Sätzen in Aufgewärmt; oder aber wir werfen Texte weiter wie Bälle und verursachen Chaos unter VKVDB.

Scheiß auf Intellekt, schreiben kann jeder (Dennis Lange)

Das behindertenpoetische Manifest oder Im Defekt ist es eine künstlerische Arbeit 

Wir denken uns Sachen aus, die einfach und schwer und wichtig sind, die im Leben und in den Sternen sind. Wir blättern Seiten um. Wir haben Fantasie und Poesie im Kopf. // Ich stelle mir vor, ich liege abends im Bett und plötzlich geht Licht aus oder auf. Träume. Du bist ein Mensch, du bist frei. Du hast Rechte und du hast Grenzen. Ich bin behindert. Ich kann stark sein. Ich kann musisch sein. Ich kann fantasieren, funktionieren und poesieren. // Die Poesie ist natürlich mit Trisomie verbunden. Weil da Poesiegefühle sind. Es ist alles Sinneswandel. Wir bauen eine Poesie auf und wir sind ein Teil davon. (Birgit Hohnen)

Wir verfassen Lebensinhalte. Wir schreiben über Leben, Mut, Ausgrenzung, Lieben und Frieden, von den Amöben zum Bösen (Michael Schumacher)

Behindert?! – Was behindert heißt? Behindert ist luftig leicht, schwer wie Blei, anstrengend meist, Quäle-Seele. Mensch geht oder humpelt oder fährt im Rollstuhl. Manche können ohne Rollstuhl nicht gehen. Mit Rollstuhl ist nervig, mit Behinderung in Gesicht oder Gehirn oder Körper oder Bewegung ist nervig; nur weil andere Menschen komisch gucken und denken: Oho, behindert! Die Barrieren sind nervig. Barrieren behindern. (Kathi Bromka hat das Williams-Beuren-Syndrom, was das genau bedeutet, kann sie nicht sagen, sie vermutet: „Das hat mit dem Herz zu tun. Nachts ruhe ich mich aus; ich wache morgens auf und bin ein neuer Mensch.“)

Was ich sage auf die Frage: Sind Sie behindert? – Wenn mich jemand fragt, ob ich behindert bin, könnte ich sagen: Sind wir nicht alle ein bisschen behindert? Mich ärgert, dass bei uns Menschen mit Unterstützungsbedarf oft mehr auf unsere Schwächen als auf unsere Stärken gesehen wird. Ja, wir haben schon so unsere Probleme. Aber die hat doch jeder. Kein Mensch ist vollkommen. Jeder sollte akzeptiert werden wie er ist, solange er nicht anderen etwas tut. (Michael Schumacher hat Asperger-Autismus, Pazifismus und wünscht sich eine Welt ohne Schubladen voll Vorurteilen.)

Ich bin nicht vom Mars! (Peter Burhorn)

Behindert von Birgit Hohnen
Ist man behindert oder wird man behindert?
Ich lebe mit Behinderung, und es ist so, und manchmal habe ich Wut auf sie. Wenn und Aber. Ich bin ein Mensch, der sich äußert. Ich bin wie ich bin; aber ich bin auch anders. Alle sind anders. Das ist auch Gleichheit. Ich habe einen Behindertenausweis; also bin ich behindert. Das ist wie es ist; ich bin wie ich bin. Das kann man und braucht man nicht heilen. Das ist mein eigener Standard. Wenn ich meinen Kopf zur Seite lege, habe ich eine Schaukelfunktion. Das ist eine Funktion, die ich mir aber nur vorstelle. Ich kenne einen, der hat eine echte Schaukelfunktion. Der hat nur seine Schaukelfunktion und sonst gar nix, glaube ich. Jeder hat so seine Funktion. // Ich frage mich ernsthaft: Warum schreibt man über Behinderung und nicht einfach über sich? Ich denke nach. Ich habe etwas beizutragen. Ist man behindert, weil man nicht gehen kann, weil man anders denkt oder weil man eine andere Logik oder Logistik hat? Und: Ist man vielleicht auch talentiert? (Birgit Hohnen hat Tetraspastik und einen kreativen Kopf)

Fantasie ist interessanter als Wissen (Daniela Chmelik)

Sind Sie behindert von Tamy Keitel
„Was für eine blöde Frage!“ könnte man denken. Aber blöde Fragen gibt es ja nicht. Nur blöde Antworten. Aber wie antwortet man hier richtig? Vielleicht: „Ja, ich bin in Situationen behindert. Obwohl: Es sollte wohl eher heißen: werde behindert.“
Die Frage ist aber auch: Was versteht man unter behindert? Wie definiert man das? Wenn man eine Einschränkung hat, dann ist das Wort dafür eben „behindert“. Ob man das cool findet oder nicht. Somit ist die Frage „Sind sie behindert?“ irgendwie auch okay. Hm.
Es kommt vielleicht drauf an, wie die Frage gestellt wird. Bei ehrlichem Interesse in der Frage kann man gerne sagen: „Ja, ich habe eine Behinderung, und ich kann gut damit leben.“
Die ganz Selbstbewussten antworten vielleicht: „Ja, ich hab eine Einschränkung, aber ich bin nicht behindert. Und was soll ,behindert’ überhaupt bedeuten?“
Wenn die Frage aber abfällig gestellt wird, kann man schon echt sauer werden und z.B. sagen: „Nee, bin ich nicht, aber du gleich!“
Leider wird das Wort ja auch als Schimpfwort benutzt, wenn jemand eigentlich gar keine Behinderung hat, nach dem Motto „Ey, bist du behindert, Alter?!“
Und dann ist ja auch jede einzelne „behinderte“ Person unterschiedlich. Eine Blinde kann z.B. totale Schwierigkeiten haben selbstständig zu sein und muss unterwegs alles angesagt bekommen; ein anderer Blinder kann kochen, sich schminken, Wege selbst erarbeiten usw.
Die perfekteste Antwort auf die Frage könnte eigentlich sein: „Ja, ich bin körperlich und/oder geistig eingeschränkt, aber ich will mich nicht behindern lassen.“ So. (Tamy Keitel ist stark sehbehindert und psychisch beeinträchtigt)

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