Alsterdorfer Anstalten

Melanie Will (in alle Richtungen nickend)
Guten Abend, meine Damen und Herren. Willkommen! Schön, dass Sie da sind.
Das sind unsere Gäste, aus verschiedenen Bereichen der Evangelischen Stiftung Alsterdorf: Dennis Lange, Heilerziehungspfleger. Pastor Sengelmann-Schumacher-Haas und Frau Birgit Hohnen, frühere Bewohnerin der Alsterdorfer Anstalten. Unser Thema heute: „Die haben uns behandelt wie Gefangene“ – Opfer von Gewalt und Unrecht in den Alsterdorfer Anstalten. Hierzu zunächst ein kleiner Film-Einspieler:

 

Melanie Will: Ja, das war eine Umfrage auf dem Alsterdorfer Markt. Nun zu unseren Talkshow-Gästen. Erzählen Sie doch jeder kurz, warum Sie heute hier sind.

  1. Die Alsterdorfer Anstalten

Dennis Lange: Ich arbeite seit 1999 als Heilerziehungspfleger in Alsterdorf, hab‘ direkt nach meiner Ausbildung hier angefangen. Da könnte ich natürlich sagen, dass der menschen-unwürdige Umgang in den 50-iger bis 70-iger Jahren mich nichts angeht. Aber, wenn ich genau hinsehe, begegne ich täglich den Auswirkungen der Strukturen und auch der Misshandlungen von damals. Ich arbeite mit den Opfern und für sie. Manchmal stelle ich mir die Fragen: Wer von meinen älteren Kollegen ist oder war Täter? Und: Wäre ich zu dieser Zeit auch so völlig ohne Mitgefühl mit den Menschen umgegangen?
Seit 1979 spricht man hier nicht mehr von Pfleglingen oder Pflegebefohlenen, sondern von Bewohnern. Aber immer mehr „Bewohner“ wohnen außerhalb von Alsterdorf. Und eigentlich reicht es mir auch insgesamt von M e n s c h e n zu sprechen. Menschen, denen ich helfe. In ihrem Alltag. In ihrem Leben.

Michael Schumacher: Ich bin Pastor und mit im Projekt Anerkennung und Hilfe. Es ist uns bewusst, dass man eine wirkliche Wieder-gut-machung nicht leisten kann. Aber wir wollen uns um historische Aufarbeitung, seelische Fürsorge und finanzielle Entschädigung bemühen. Jeder Mensch ist wertvoll. Das ist mir in meiner Arbeit sehr wichtig.

Melanie Will: Ich habe im Vorweg dieser Sendung natürlich auch recherchiert.
Die Menschen mit Behinderung, die damals hier verwahrt wurden, durften nichts, sich nicht frei bewegen, keine Süßigkeiten kaufen. Zum Teil wurden sie angekettet, mit Schläuchen abgeduscht. Die wurden behandelt … kommt mir vor … nicht wie Menschen. [Pause] Kann man sagen, dass damals nicht in Betracht gezogen wurde, dass auch behinderte Menschen menschliche Bedürfnisse haben?

[Frage steht und wirkt]

Birgit Hohnen: Ich habe früher in Alsterdorf gewohnt, zuerst im Michelsfelder Kinderheim und dann im Wilfried-Bork-Haus. Ich habe mich da auch wohlgefühlt. Aber von dieser Einengigkeit wollte ich loskommen. Ich wollte raus. Es gab keinen Freiraum. Und die Pforte war schrecklich. Die mochte ich nicht. Die hat mich traurig und wütend gemacht. Ich meine, ich fand Alsterdorf nicht schlecht, aber irgendwie wollte ich auch mal alleine sein. Und ich wollte raus.

Ich lebe mit Behinderung. Und es ist so. Und manchmal habe ich Wut auf sie. Aber alle Menschen sind anders. Das ist auch Gleichheit. Ich habe einen Behindertenausweis, also bin ich behindert. Das ist wie es ist; ich bin wie ich bin. Das kann man und braucht man nicht heilen.

Ich frage mich auch: Ist man behindert, weil man nicht gehen kann, weil man anders denkt oder weil man eine andere Logik oder Logistik hat? Und: Ist man vielleicht auch talentiert? Und: Kann man nicht alles barrierefrei machen?

Melanie Will: Guter Punkt. Da wollen wir hin.
Aber zuerst noch mal den Blick zurück. Auch wenn’s weh tut.

Pfleger: Menschenrechte und Grundgesetz gab es schon damals. Ich frage mich: Für wen? Anscheinend nicht für alle. Wie war es sonst möglich Menschen, die nichts getan hatten, wegzusperren?

Pastor: Das Benachteiligungs-Verbot von Menschen mit Behinderungen trat tatsächlich erst 1994 in Kraft.

Pfleger: Ja, es ist zum Glück viel passiert in den letzten Jahren, Jahrzehnten. Aber es muss noch mehr passieren. Ich wünsche mir eine christliche, eine humanistische Gesellschaft, die alle Menschen wertschätzt. Unabhängig davon, was sie leisten.
Menschen, die in der Leistungsgesellschaft nicht bestehen konnten, wurden hier versteckt, verschwiegen, eingesperrt, verwahrt und schlimmeres. Sie wurden entmündigt und ruhiggestellt. Sie hatten keine Rechte. Und dann wurde ihnen erzählt, dass dieses Leben gottgewollt und zu ertragen ist.

Ich habe ein anderes Verständnis von menschlicher Würde!

  1. Würde

Melanie Will: Was ist Würde?

Pfleger: Würde ist … Leben. Würde ich sagen. Aber allgemein habe ich das Gefühl, dass das Wort leider sehr abgegriffen ist, nur in Reden zu besonderen Anlässen vorkommt. Der Begriff kommt mir oft wie eine leere Hülle vor. Die ich gerne mit Leben füllen würde

Birgit Hohnen: Wir haben uns in der Literaturwerkstatt Story Teller auch mit Würde beschäftigt. Ich würde sagen … Also, ich habe hier mal mitgebracht, was meine Kollegen und ich dazu geschrieben haben:
Meine Würde ist unantastbar.
Die eigene Würde ist sehr wertvoll.
Würde ist Achtung von anderen. Und Selbstachtung.
Würde ist Einfühlsam.
Würde ist Sein.
Würde ist Verletzlich.
Würde soll Immer sein.
Würde ist Menschlich.
Würde ist Sterblich.
Würde ist Leben.
Ich würde mit Menschen anders umgehen. Ohne Vorurteile.

Pastor: Ja, sehr schön. Da steckt alles drin. Ich finde auch: Zur Würde gehört, dass ich jeden Menschen annehme wie er ist.

  1. Heute

Melanie Will: Ja, vielen Dank an die Story Teller.

Kommen wir jetzt vom Gedicht ins Heute. Es ist vieles besser geworden. In erster Linie gesetzlich. Nun gibt es aber nach wie vor schlechte Zustände in der Pflege. Herabwürdigungen, sadistisches Verhalten durch Pflegepersonal…

Pfleger: Ich will soetwas nicht rechtfertigen. Aber von meiner Position, also als Heilerziehungspfleger, kann ich Gründe vermuten: Routine stumpft einen ab. Es kommt zu einer Verrohung. Man arbeitet nach dem Motto „Hauptsache meine Heimbewohner sind satt und sauber“. (seufzt) Auf jeden Fall ist unser Job oft eine Überforderung. Man hat zu wenig Zeit für den Einzelnen. Es gibt zu wenig Personal. Man kann kaum Nächstenliebe vermitteln und ausleben, wenn man selbst völlig fertig ist.
Unser Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen ist also auch ein Einsatz für mehr Menschenwürde. Entlastung würde unsere Arbeit vermenschlichen. Bloß: wer mag bei unserer Arbeitsmarkt-Situation, in unserer leistungsorientierten und von Konkurrenz geprägten Gesellschaft schon aufmucken? Es fehlt allgemein an Menschlichkeit.

Melanie Will: Herr Pastor, was ist Ihre Einschätzung. Wie geht es Menschen mit Behinderung heute? Und wie sieht die Gesellschaft sie?

Pastor: Heutzutage sind Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft offiziell akzeptiert. Es gibt zwar hier und da immer noch Berührungsängste, aber Menschen mit Behinderungen haben schon ganz andere Möglichkeiten ihr Leben zu leben.
Das war ein weiter Weg. Früher waren diese Menschen rechtlos, sie wurden entwürdigend behandelt. Sie waren praktisch wertlos. In den Augen der Aufseher waren das welche, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Oder einen Sprung in der Schüssel. In einer Zeit, in der es wichtig war, ein makelloses und vollständiges Service zu besitzen. Heutzutage, bei meiner Nichte habe ich das gerade gesehen, gehört es zum guten Stil, dass das Geschirr im Schrank nicht zusammenpasst. Da stehen viele verschiedene Becher, jeder in einer anderen Farbe. Mir gefällt diese Buntheit.
Und vielleicht steht in ein paar Jahren die Frage ja gar nicht mehr im Raum, was normal ist.

Melanie Will: Frau Birgit Hohnen, wie geht es Ihnen heute?

Birgit Hohnen: Ich bin ein Mensch und erwachsen. Ich wohne in einer Wohngruppe in Barmbek. Da kann man frei rein und frei raus. Das ist wirklich so. Da gibt es zwar auch Absprachen, aber die macht man unter sich. Man kann früher oder später kommen. Ich habe auch ein Türschild draußen, da steht mein Name drauf. Das ist eine gute Wohngruppe. Da ist alles ebenerdig. Da ist auch eine Gemeinschaftsküche drin für alle, mit barrierefreiem Kühlschrank. Ich kann mir selber Sachen kaufen. Ich entscheide für mich. Ich kann mich in mein Zimmer verkriechen, wenn ich will. Wenn ich nicht will, nicht; dann sitze ich bei Steffi in der Küche und quatsche. Man muss jeden verstehen und jeder ist wichtig. Das finde ich wichtig. Und dass die Türen nicht abgeschlossen sind. Und dass es keine Pforte gibt. Ich fühle mich in meiner Wohngruppe sehr motiviert. Ich bin mein freier Mensch.

Ich bestimmte selber, wann ich essen will und wann ich ins Bett gehe und aufstehe. Das ist mein Leben. Ich bin glücklich und fühle mich frei. Ich kann meine Selbstständigkeit ausleben. Die Selbstständigkeit ist ganz wichtig. Das ist mein Standpunkt; da haben die Betreuer nicht mitzureden. Ich gestalte mein Leben selbst; ich treffe meine Entscheidungen alleine.

Ich bin eine Kämpferin! Ich habe eine gute Arbeit bei barner 16. Ich mache starke Texte. Ich bin gut so wie ich bin!

Heute gibt es das Früher nicht. Ich will das nicht. Heute gibt es eine Menschenstruktur. Eine menschliche Struktur. Ich weiß wie es Anderen geht, weil ich noch weiß, wie es mir früher ging. Früher war es schlimm. Aber jetzt fühle ich mich frei.

Ich will nicht an damals denken.

Es gibt kein Damals. Es gab ein Damals. Ich hab auch die Bücher zu den Alsterdorfer Anstalten gesehen und … Es gab das Damals. Aber was es jetzt gibt ist gut. Ich bin zwar kämpferisch, aber ich will im Früher nie mehr leben.

Aus den Rollen raus, jeder stellt sich in echt vor und spricht für sich:

Ich bin in echt Melanie Lux, habe eine Lernbehinderung, arbeite in barners Siebdruckwerkstatt und bei den Story Tellern:

Wie ich als Mensch mit Behinderung mir die schöne Welt ausmale:

  1. Ich habe mein Leben im Griff und bin nur noch selten traurig. Ich habe meine Depressionen besiegt und kann meine Vergangenheit hinter mir lassen.
  2. Ich habe endlich wahre Freunde gefunden, die zu mir halten. Und auch noch mein Glück in der Liebe.
  3. Ich bin ein fröhlicher und zufriedener Mensch und bin beliebt.
  4. Wenn es mal nicht so gut bei mir läuft, dann versuche ich zu ändern, was mich stört und sage laut und klar meine Meinung.
  5. Auf meiner Arbeit werde ich gebraucht. Alle Gruppenleiter reißen sich um mich. Ich finde es so toll, auf der Arbeit gebraucht zu werden. Noch dieses Jahr wird mein Hörspiel veröffentlicht und wir machen eine Ausstellung mit meinen Bildern dazu.

Ich bin in echt Michael Schumacher, Asperger-Autist, ehemaliger Bugenhagen-Schüler und arbeite beim Theater Meine Damen und Herren

Wie ich mir die Zukunft ausmale:
Für einen Menschen mit Einschränkung ist es auf jeden Fall wichtig in einer sicheren Welt zu leben.
Ich habe es schon manchmal erlebt, dass ich aufgrund meiner leichten Besonderheit schief angeguckt wurde. Schief angucken ist ja noch harmlos.
Aber einmal hat am Bahnhof jemand ohne Grund zwei Mal nach mir getreten.
Dieser Mensch war besoffen.
Als ich ihn beim zweiten Mal empört wegen seines Tritts ansprach, sagte er etwas, was mich fassungslos gemacht hat:
Dieser Typ sagte doch glatt zu mir: Sieh mal an. Ein Behinderter der aggressiv ist.
Ich bin kommentarlos weggegangen.
Aber dieses Ereignis hat mich schon sehr mitgenommen.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir eine friedlichere tolerantere Welt wünschen.
Und ich will mich sicher fühlen vor Verwundungen wegen meiner Besonderheit.

Ich bin Dennis Lange, ein Mensch mit psychischem Handicap und mache die Webseiten und den Online-Shop der barner 16, künstlerisch bin ich bei den Story Tellern dabei.
Wir behinderten Menschen haben inzwischen die Möglichkeit tatsächlich mündig und möglichst selbständig zu leben. Diskriminierung müssen wir aber immer noch ertragen, auch in Institutionen, die ein inklusives, gleichberechtigtes Leben ermöglichen wollen. Der Leistungsgedanke und der „Behinderte sind wie kleine Kinder„-Gedanke sind noch zu fest in unserer Gesellschaft verankert. Das wünsche ich mir weg!

Die echte Birgit Hohnen ist heute nicht hier, weil sie an das Alsterdorf von früher lieber nicht denken mag. Birgit Hohnen hat eine Tetraspastik und diktierte mir in barners Literaturwerkstatt Folgendes:

Die Welt muss besser aussehen. Barrierefrei ist für alle gut. Alle Treppen müssen raus! Ich möchte bessere Fahrstühle. Außerdem müssen mehr Knöpfe für Blinde an den Ampeln sein. Wenn ich mir vorstelle blind zu sein, würde ich es ja auch besser haben wollen. Die Bordsteine müssen alle tiefergelegt werden. Die sind einfach viel zu hoch für Rollstuhlfahrer und für mich. Wir müssen alle überlegen wie man es für Behinderte besser machen kann. Man muss Allen sagen, sie sollen Behinderten helfen. Aber vorher fragen.

Die inszenierte Talkshow der Story Teller wurde am 20. März 2017 in Alsterdorf aufgeführt – Zur Gründung der Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ für Gewaltopfer in Behindertenheimen früher. Hier gibt es mehr Informationen: www.stiftung-anerkennung-und-hilfe.de

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